Rituale vs. Traditionen - was wirklich Halt gibt und warum
- Sandy Meyer

- 21. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Es gibt diese Sätze, die man selbst jahrelang denkt, bis man irgendwann merkt: "Moment mal. Das fühlt sich gerade gar nicht gut an."
Bei mir war es dieser innere Druck rund um Traditionen wie Weihnachten, Geburtstage, bestimmte Abläufe, Erwartungen und das leise Gefühl, dass man etwas „richtig“ machen müsste.
Für die Kinder. Für die Familie. Für später.
Und irgendwann habe ich gemerkt:
Was ich da versuche aufrechtzuerhalten, gibt mir gerade keinen Halt. Es kostet mich einfach nur noch Kraft.

Traditionen: schön gedacht, manchmal aber nur schwer zu (er)tragen
Traditionen haben erstmal einen guten Ruf. Sie stehen für Beständigkeit, Zusammenhalt, Erinnerungen. Und ja, das können sie auch sein.
Aber Traditionen haben oft eine Eigenschaft, über die wir selten sprechen:
Sie sind starr.
Sie orientieren sich an festen Daten
an bestimmten Abläufen
an Erwartungen, wie etwas „immer“ war oder „immer“ sein soll
Und spätestens in Patchworkfamilien, nach Trennungen, mit neurodivergenten Kindern oder einfach in herausfordernden Lebensphasen wird klar:
👉 Das Leben hält sich nicht an Drehbücher.
Wenn Traditionen dann zur Pflicht werden, entsteht Druck. Und Druck fühlt sich selten nach Geborgenheit an.
Rituale: klein, unspektakulär – aber tragfähig
Rituale dagegen sind leiser. Sie brauchen keine Jahreszahl, keinen Feiertag, kein perfektes Setting.
Rituale sind wiederkehrend, verbindend und flexibel.
Ein Ritual kann vieles sein, zB:
abends zusammen auf dem Sofa sitzen
ein kurzer Check-in nach der Schule
ein bestimmter Spruch vor dem Schlafengehen
ein Tee am Küchentisch, wenn der Tag schwer war
Kein krass cooler Instagram-Moment.
Aber ein echtes Ankommen halt.
Ohne SchnickSchnack und Druck.
Warum Rituale Kindern oft mehr Sicherheit geben als Traditionen
Kinder brauchen vor allem eines: Verlässlichkeit im Gefühl, nicht im Kalender.
Rituale signalisieren:
Ich sehe dich.
Du bist wichtig.
Hier ist ein sicherer Ort.
Und das Beste: Rituale dürfen sich verändern. Sie wachsen mit. Sie passen sich an –> an das Kind, an die Familie, an die Lebensphase!!!
Traditionen sagen oft: So war es immer.
Rituale sagen: So sind wir gerade.
Meine persönliche Erkenntnis (und vielleicht kennst du das auch)
Ich habe irgendwann aufgehört, an Dingen festzuhalten, nur weil sie „schon immer so waren“. Und angefangen, genauer hinzuschauen:
Was tut uns gerade gut?
Was verbindet uns wirklich?
Wo entsteht Nähe, ganz ohne großen Aufwand?
Das war kein radikaler Schnitt.Eher ein leises Umdenken.
Und plötzlich wurde Familie wieder leichter.
Klingt jetzt simpel.
Vielleicht sogar ein bisschen kitschig.
War es aber natürlich überhaupt gar nicht!
In dem Moment, in dem ich unser sehr traditionelles Weihnachten hinterfragt und Veränderungen angestoßen habe, kam sofort Schuld hoch. Nicht leise, nicht vorsichtig, sondern richtig laut. Als würde ich etwas Verbotenes vorschlagen. Etwas, das man nicht antastet.
Rituale statt Erwartungen
Vielleicht ist das der wichtigste Punkt: Rituale entstehen aus Beziehung. Traditionen entstehen oft aus Erwartungen.
Beides darf existieren. Aber nichts davon sollte schwerer wiegen als das, was eine Familie gerade braucht.
Viele Eltern spüren Schuld, wenn sie Dinge infrage stellen.Dabei ist genau das oft ein Zeichen von Verantwortung.
Darf man Traditionen loslassen? Ja. Und manchmal ist genau das heilsam.
Du darfst Traditionen verändern. Du darfst sie pausieren. Du darfst neue Rituale entstehen lassen, auch mitten im Jahr, mitten im Chaos, mitten im echten Leben.
Nicht alles, was „schon immer so war“, passt zu dem, was heute ist.
Und das ist kein Verlust, sondern Entwicklung.
Also, was ich damit sagen möchte:
Es muss nicht perfekt sein – nur echt
Familienleben ist kein Bühnenstück. Es ist Beziehung, Verbindung, Alltag.
Wenn du gerade merkst, dass etwas mehr Kraft kostet als es gibt, dann ist das kein Versagen. Vielleicht ist es einfach ein Zeichen, dass ein Ritual gerade mehr trägt, als eben diese eine Tradition.
Und das ist vollkommen okay.
Gedankenanstoß:
Vielleicht magst du heute einmal für dich hinschauen: Wo trägt euch ein kleines Ritual mehr als eine große Tradition?Und was dürfte sich leichter anfühlen, wenn du es neu denken würdest?
Genau diese Fragen begegnen mir auch in meiner Arbeit mit Familien immer wieder. Wenn du merkst, dass dich das Thema gerade beschäftigt, darfst du dir Unterstützung holen.






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